Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini

Heute vor 81 Jahren brannten in der Reichspogromnacht jüdische Synagogen und Läden. Niemals dürfen wir alle vergessen, was „Krieg“ bedeutet. Dieses Buch liefert einen wichtigen Beitrag – aus der Perspektive der rechtlichen Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Absolute Leseempfehlung.

Worum geht’s? Um eine Gerichtsverhandlung im Jahr 2001

Fabrizio Collini stammt aus Genua, aber hat mehr als sein halbes Leben in in Deutschland verbracht. Er hat 34 Jahre als Werkzeugmacher bei einem deutschen Automobilunternehmen gearbeitet. Mittlerweile ist er über sechzig und in Rente. Im Juni 2001 ermordet Collini in Berlin den über 80-jährigen Unternehmer Hans Meyer und stellt sich danach sofort der Polizei.

Warum wird ein unbescholtener Bürger plötzlich zum Killer? Caspar Leinen ist seit zweiundvierzig Tagen Rechtsanwalt und wird Collinis Pflichtverteidiger. Der Angeklagte schweigt und viele Prozesstage lang scheint der Fall klar zu sein: Collini hat gemordet und ist schuldig – nur das Motiv bleibt im Dunkeln. Bis Leinen auf die Idee kommt, nach Ludwigsburg zu fahren, wo die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ ihren Sitz hat.

Ohne Umschweife erzählt

Ferdinand von Schirach erzählt die Fakten und den Verlauf des Prozesses ohne Umschweife. Da er aus der Perspektive des jungen Anwalts erzählt, bleibt dennoch genug Raum für Gefühle. Aber nicht so aufoktroyiert wie das bei manchen Schicksalsromanen ist, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen. Sondern durch Schilderungen dessen, was Caspar Leinen unternimmt und beobachtet.

Im Kern des Buches steht die Frage, ob Menschen, die im Krieg Verbrechen begangen haben, schuldig sind. Und vor allem: wie lange sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden können.

„Durfte man für einen toten Soldaten einen Zivilisten erschießen? Oder zehn? Oder tausend?“, sagte die Sachverständige. – „Und wie wurde diese Frage beantwortet?“ – „Sehr unterschiedlich. Eine feste Regel gibt es nach dem Völkerrecht nicht. (…)“

von Schirach, Ferdinand: Der Fall Collini (4. Auflage 2019), S. 169

Dieses Buch ist was für dich, wenn du:

  • beziehungsweise auch wenn du keine Lust mehr hast auf Bücher über den Nationalsozialismus.
  • eine Zugfahrt lang in einer gut erzählten Geschichte versinken willst.
  • eh lieber das Buch liest als den Film siehst („Der Fall Collini“ wurde 2019 mit Elias M’Barek verfilmt).

Ich habe folgendes Buch gelesen:
von Schirach, Ferdinand: Der Fall Collini. Erschienen bei btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 4. Auflage 2019.

Herkunft:
Danke fürs Leihen, Sophie! Und danke für die Empfehlung, Maria!

Als nächstes lese ich: „Der heilige Eddy“ von Jakob Arjouni.

Bild: (c) Susanne – aufgenommen in Berlin, 2019

Susanne

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