Laetitia Colombani: Der Zopf

Eigentlich wollte ich letztes Wochenende zur Leipziger Buchmesse, die wurde jedoch abgesagt. Die gewonnene Zeit habe ich zum Lesen genutzt, deswegen erscheint heute schon der nächste Blogbeitrag. „Der Zopf“ ist ein wunderbares Buch, um über den Unterschied zwischen echten und hausgemachten Sorgen nachzudenken. Es ist kein absoluter Knaller, aber echt schön zu lesen.

Worum geht’s? Um drei Frauen

Ich gebe es zu, ich habe erst gegen Ende des Buches verstanden, warum das Buch „Der Zopf“ heißt. Hat man es mal raus, macht es aber wunderbar Sinn. Ich überlasse den Moment der Erleuchtung euch allein, nur soviel sei gesagt: Es ist mal eine andere Art, ein Buch zu schreiben.

Laetitia Colombani erzählt die Geschichten von drei Frauen:

  • Smita wohnt mit ihrer Tochter in Indien. Sie gehören zur Kaste der Unberührbaren. Smitas Job ist es, mit bloßen Händen Plumpsklos zu leeren. Sie ist dazu entschlossen, ihrer Tochter ein anderes Leben zu ermöglichen als das, für das die Gesellschaft sie vorgesehen hat.
  • Giulia ist die erwachsene Tochter eines italienischen Perückenherstellers. Als dieser durch einen Unfall ins Koma fällt, übernimmt sie die Geschicke der Firma. Um das Überleben des Unternehmens und seiner Angestellten zu sichern, muss sie allerdings mit den Traditionen brechen und einen komplett neuen Weg gehen, was viel Kraft erfordert.
  • Sarah ist erfolgreiche Anwältin im kanadischen Montreal. Sie setzt sich im Haifischbecken der Kanzlei erfolgreich durch und zeichnet sich durch Härte und Gefühlskälte aus. Bis sie selbst ein Schicksalsschlag trifft und sie sich entscheiden muss, ob sie so weitermachen oder einen Gang runterschalten will.

Arbeiten oder Leben? Tradition oder Moderne?

Klingt etwas klischeehaft, oder? Das hat mich anfangs auch gestört. Ich habe schon so viele Geschichten von erfolgreichen Anwälten und -innen gelesen, die plötzlich merken, dass das Leben doch so viel mehr bereithält als Arbeit… („Ein Engel im Winter“ ist auch so eines.) Warum sind es eigentlich immer Anwälte, die Workaholics werden?

Jedenfalls, um nicht abzuschweifen: Ja, das Buch schrammt manchmal haarscharf am Schubladendenken vorbei. Und an Wiederholungen der immer selben Fragestellungen (Arbeiten oder Leben? Tradition oder Moderne?).

Aber dennoch: Dadurch, dass es so geschickt aufgebaut ist, hält es immer wieder Überraschungsmomente bereit. Und es ist spannend. Ich konnte es ab der Mitte nicht mehr aus der Hand legen, weil ich wissen wollte, wie die Geschichten der drei Frauen weitergehen. Und wie gesagt, am Ende wartet die Erleuchtung!

Da ich zurzeit mehrmals täglich am Corona-Newsticker hänge, hat es mir gutgetan, in diese Erzählung einzutauchen. Laetitia Colombani hat mich gefesselt, da habe ich gerne darüber hinweggesehen, dass schon einige Autoren vor ihr Geschichten aus denselben Schubladen geholt haben.

Dieses Buch ist was für dich, wenn du:

  • darüber nachdenken magst, welche deiner Sorgen hausgemacht und welche echt sind.
  • Spannung magst.
  • dich nicht an klischeehaften Figuren wie erfolgreichen Anwältinnen störst.

Ich habe folgendes Buch gelesen:
Colombani, Laetitia: Der Zopf. Erschienen bei S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2018.

Herkunft:
Aus der Bibliothek.

Bild: (c) Susanne – aufgenommen im Rathaus Rothenburg ob der Tauber, 2020

Susanne

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